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Kinderbetreuung senkt Armut bei Alleinerziehenden
In Deutschland herrscht immer noch ein traditionelles Rollenbild, das sich auch in politischen Strategien widerspiegelt. Denn auch die Politik hält an der traditionellen Rollenverteilung zwischen mann und Frau fest: Frauen, die ihre Kinder zu Hause versorgen und eine Erwerbstätigkeit dafür unter- oder abbrechen. Wie eine Studie des Max-Planck-Institutes für demografische Forschung feststellte, ist in Ländern, die diese politische Strategie umsetzen, Armut unter Alleinerziehenden hoch. Armut betrifft dort über ein Viertel der alleinerziehenden Mütter kleiner Kinder. Inzwischen sind in Deutschland familienpolitische Reformen eingeführt worden, die zur Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt und im Familienleben beitragen sollen. Die aktuelle Diskussion um die Einführung eines Betreuungsgeldes für Eltern, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen, zeigt jedoch, wie verinnerlicht das traditionelle Rollenbild der Frau ist. Dies hat natürlich Folgen für die Konzeption familienpolitischer Strategien.
Elterngeld, Elternzeit, Kinderbetreuung – mit solchen Angeboten will die Politik Eltern ermöglichen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Die politischen Strategien unterschiedlicher Länder spiegeln dabei verschiedene Rollenbilder von Männern und Frauen wider und beeinflussen dadurch direkt die wirtschaftliche Situation von Frauen. Eine vergleichende Studie zeigt, dass das Armutsrisiko für Frauen in den Ländern groß ist, welche an der primären Rolle der Frau als Betreuerin ihrer Kinder zu
Hause festhalten. Und hier sind alleinerziehende Mütter ganz besonders betroffen. Eine Studie der Universitäten von North Carolina und Massachusetts, die gegenwärtig am Max-Planck-Institut für demografische Forschung fortgesetzt wird, zeigt, wie familienpolitische Strategien das Armutsrisiko von Frauen beeinflussen. Dabei wurden sowohl Frauen mit und ohne Partner, Mütter und kinderlose Frauen untersucht. Die politischen Strategien stützen sich dabe auf Rollenbilder für die Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wurde bis kurz vor der Jahrtausendwende in vielen Ländern das Ernährer-Hausfrauen-Modell gelebt, sind Frauen heute emanzipierter und zunehmend sowohl Ernährerinnen als auch Betreuerinnen ihrer Kinder. Die Familienpolitik berücksichtigt dieses geänderte Rollenbild von Land zu Land in unterschiedlichem Ausmaß. Die Unterschiede lassen sich zu vier familienpolitischen Strategien zusammenfassen:
Die Betreuungsstrategie ist dem Ernährer-Hausfrauen-Modell am nächsten. Sie geht von Frauen aus, die ihre Kinder zu Hause erziehen und belohnt sie für dieses Engagement. Die Politik unterstützt und stärkt hier die traditionellen Rollenbilder. Charakteristische Elemente sind Betreuungsgeld, lange Elternzeiten oder eine Förderung der Teilzeitarbeit als ideale Form der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese Strategie ist typisch für Länder wie die Deutschland, aber auch die Niederlande und Luxemburg.
Die Ernährerin-Strategie steht für eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen sich gleichermaßen am Erwerbsleben beteiligen. Die Politik konzentriert sich darauf, Hürden und Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt abzubauen, kümmert sich aber nicht um Ungleichgewichte bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese Strategie ist im angloamerikanischen Raum verbreitet (USA, Kanada, Großbritannien).
Die Wahlfreiheitsstrategie ist für eine Gesellschaft charakteristisch, in der Frauen sowohl für ihre kindererziehende Rolle als auch für ihre Erwerbsarbeit wertgeschätzt werden. Sie stützt sich auf ein ambivalentes Frauenbild: Einerseits unterstützt die Politik die Erwerbstätigkeit von Frauen, etwa durch ein ausgebautes Netz der Kinderbetreuung, andererseits wird auch die Betreuung der Kinder zu Hause finanziell und durch die Gewährung von Elternzeiten gefördert. Eine gleichberechtigte Rolle von Männern bei der Familienarbeit wird dagegen weniger beachtet. Frankreich und Belgien setzen diese Strategie um.
Die Gleichstellungsstrategie zielt schließlich auf ein Gesellschaftsmodell, in dem Männer und Frauen sich gleichberechtigt an Familien- und Erwerbsarbeit beteiligen. Beide werden zu beruflichen Auszeiten ermuntert, eine hochwertige, staatlich subventionierte Kinderbetreuungsinfrastruktur ermöglicht die Erwerbstätigkeit der Eltern. Schweden bietet das beste Beispiel für diese in Skandinavien verbreitete Strategie. Doch trotz geförderter Frauenerwerbstätigkeit und eingeführter Vätermonate arbeiten auch dort mehr Frauen in Teilzeit oder lassen sich bei Krankheit der Kinder häufiger beurlauben als Männer. Diese Strategien können sich auf die Beschäftigung, die Geburtenrate, die Entwicklungsperspektiven von Kindern und vieles mehr auswirken. Die Forscher interessierte, welchen Einfluss unterschiedliche politische trategien auf das Armutsrisiko von Frauen und insbesondere von Müttern nehmen.
Basierend auf Daten der Luxemburg Income Study (LIS) der Jahre 1995 bis 2000 wurden Armutsraten in elf OECD-Ländern (Belgien, Finnland, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Schweden, Großbritannien, USA und Kanada) gemessen.
Als Armutsgrenze wird ein Einkommen von weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens (Median) des Landes angenommen. Entscheidend ist das Einkommen nach Steuern einschließlich aller Transferleistungen. So wird deutlich, wie sich die Rahmenbedingungen auf das Familieneinkommen auswirken. Andere Einflüsse auf das Armutsrisiko wie das Alter, der Beschäftigungsumfang sowie der
Bildungshintergrund der Frauen wurden ebenfalls berücksichtigt.
Die Ergebnisse der Analyse machen deutlich, dass in allen Ländern das Armutsrisiko für alleinlebende Frauen größer ist als für solche, die in Partnerschaft leben – gleich, ob sie Kinder haben oder nicht. Kinder zu haben, insbesondere kleine Kinder unter sechs Jahren, erhöht das Armutsrisiko weiter. Unter den Frauen mit Partnern leben im Durchschnitt drei Prozent der kinderlosen Frauen in Armut, sechs Prozent der Mütter und sieben Prozent der Mütter mit kleinen Kindern. Alleinerziehende Mütter sind dagegen stark von Armut gefährdet: 19 Prozent leben unter der Armutsgrenze, bei den alleinerziehenden Müttern kleiner Kinder sind es sogar 24 Prozent. Die Familienpolitik spielt dabei eine Rolle: Die skandinavische Gleichstellungsstrategie erweist sich als die wirkungsvollste, um Armut unter Müttern, auch unter alleinerziehenden, einzudämmen. Die französische Wahlfreiheitsstrategie bietet ein ähnliches Paket an Maßnahmen, welche die Erwerbstätigkeit von Müttern fördern, unterstützt
aber auch die Betreuung kleiner Kinder zu Hause. Das Modell hält so stärker an der traditionellen Rollenverteilung fest und ist durch höhere Armutsraten geprägt – besonders bei alleinstehenden Müttern. In den angloamerikanischen Ländern der Ernährerin-Strategie wird die Kinderbetreuung weitgehend dem Einzelnen oder dem Markt überlassen – mit erheblichen Konsequenzen für die Armut von Frauen, unter der jede dritte alleinerziehende Mutter leidet. In den Ländern der Betreuungsstrategie unterstützt die Politik Mütter dabei, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Partnerschaft mildert in diesem Modell das Armutsrisiko, alleinerziehende Mütter sind dagegen hohen Armutsraten ausgesetzt.
Dass die Armutsrate von Müttern in Ländern mit der Ernährerin-Strategie sehr hoch ist, verwundert eigentlich nicht. Viel erstaunlicher ist das hohe Armutsniveau alleinerziehender Mütter in Ländern der Betreuungsstrategie, zu denen auch Deutschland gehört.
In einem System, das davon ausgeht, dass der Mann klassischerweise das Geld verdient und die Frau bei den Kindern bleibt, sind Alleinerziehende besonders benachteiligt. Doch sind alleinstehende Mütter keine vernachlässigbare Splittergruppe. Sie verkörpern im Gegenteil einen von Armut bedrohten,wachsenden Teil der Gesellschaft, der auf familienpolitische Maßnahmen in besonderer Weise angewiesen ist. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Erhöhung der Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren das Armutsrisiko besonders für Alleinerziehende senkt.
Inzwischen sind in Deutschland 2007 mit Elterngeld und Vätermonaten Elemente der leichstellungsstrategie eingeführt worden. Das bedeutet jedoch noch keinen Strategiewechsel, da Elemente wie das Ehegattensplitting, die beitragsfreie Kranken und Pflegeversicherung, die Anrechnung von Kindererziehungszeiten für die Rente und, zumindest in Westdeutschland, die geringe Betreuungsquote für unter Dreijährige, die Betreuungsrolle der Mutter weiter stützen. Zudem ist die Einführung eines Betreuungsgeldes für Mütter vorgesehen, die ihre Kleinkinder zu Hause erziehen.
Auch die dreijährige Elternzeit wie in Deutschland und Österreich kann zum Armutsrisiko beitragen.
Elternzeiten haben grundsätzlich positive Effekte für die Versorgungslage von Müttern, doch ist die Dauer für den Erfolg entscheidend: Lange Erwerbsunterbrechungen wirken kontraproduktiv, indem sie die beruflichen Entwicklungschancen und das Einkommen von Frauen schwächen.
Quelle: Max-Planck-Institut für demografische Forschung